28. Mai 2020

Zeit für Nebenwerte und Zykliker



AUSBLICK | Ökonom Alfred Roelli gibt einen immer recht treffsicheren Ausblick auf die Finanzmärkte. Was er denkt, wohin sich die Märkte entwickeln und wozu er Anlegern rät…

Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, soll Konrad Adenauer einmal gesagt haben. Das Zitat wurde zum geflügelten Wort und ist nicht nur in der Politik, sondern auch in der Finanzbranche an der Tagesordnung. Nicht so beim Finanzmarkt-Ausblick von Alfred Roelli, Sprecher für Finanzanalyse bei der Schweizer Privatbank Pictet & Cie aus Genf. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass Roelli bisher immer ganz gut mit seinen halbjährlichen Prognosen lag. Kurz vor Weihnachten favorisierte er noch japanische Aktien und den US-Dollar (siehe auch Ausgabe #4-5).

Jetzt rät er zu Small-Caps, also Aktien von Unternehmen, deren Börsenwert gering ist und zyklischen Titeln. Denn beide Sektoren sind bislang noch nicht so gut gelaufen, wie sie es theoretisch hätten müssen. Ferner rät er noch dividendenstarken Aktien, die sich weiterhin gut entwickeln sollten. Eine ausgewogene Verteilung auf verschiedenen Anlageklassen hält Roelli mit 51,7 Prozent an Aktien erreicht. Anleger, die risikofreudiger sind und eine dynamische Asset Allocation wünschen, denen rät Pictet zu 76,7 Prozent Aktien (Höchstwert: 80 Prozent), bei 8,9 Prozent festverzinslichen Wertpapieren, elf Prozent alternativen Anlagen, allen voran Hedgefonds und 3,4 Prozent Liquidität. Das große Motto lautet nach wie vor: Mitschwimmen bei Aktien.

Roelli erwartet ein weltweites Wirtschaftswachstum von China und den USA angetrieben. Die beiden Nationen repräsentieren mehr als 50 Prozent des weltweiten Wachstums. „China schafft alle 18 Monate eine Volkswirtschaft von der Größe Italiens, alle 3 Monate eine Volkswirtschaft von der Größe Portugals, jeden Monat eine Volkswirtschaft von der Größe Griechenlands und jede Woche eine Volkswirtschaft von der Größe von Zypern“, sagt Roelli zur Veranschaulichung. Ob das Wachstum in China nun bei neun, acht oder fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegt, spielt dabei keine entscheidende Rolle mehr. China nimmt zudem weltweit eine immer wichtigere Rolle ein. So wird der Renminbi wahrscheinlich bald eine konvertierbare Währung, China Voll-Mitglied im Internationalen Währungsfonds (IWF) und auch der chinesische Kapitalmarkt ist dabei, sich westlichen Standards zu nähern und zu öffnen.

Der US-Dollar hat laut der Schweizer Privatbank noch fünf bis zehn Prozent Kurspotenzial, der Schweizer Franken ist dagegen deutlich überbewertet und der Euro habe sich zuletzt zu recht erholt. Eine Parität zum Dollar wie vor kurzem noch von vielen Marktteilnehmern vorausgesagt hält Roelli für unwahrscheinlich. Ein großes Risiko hat der Ökonom dann aber doch noch ausgemacht. „Die Regulation der Bankbilanzen durch die Politik hat dazu geführt, dass die Bestände in Festverzinslichen bei den Geschäftsbanken um mehr als 70 Prozent zurückgegangen sind“, erklärt Roelli. Gleichzeitig hätten sich die Bestände von Anlagefonds und Indexfonds (ETFs) in den vergangenen sechs Jahren mehr als verdoppelt. Sollten nun also Fonds unter Verkaufsdruck kommen, könnte es starke Verwerfungen geben. Das Ungleichgewicht verdeutlicht auch eine grobe Schätzung der investierbaren Anlagen. Demnach sind mehr als die Hälfte aller möglichen Investments Anleihen und dem Geldmarkt zu zuordnen. Ende der 90er Jahre waren es nur rund 30 Prozent und 60 Prozent Aktien. Diese Übertreibung bei Festverzinslichen ist gefährlich. „Übertreibungen sind nie gut“, betont der Sprecher für Finanzanalyse. Steigende Zinsen würden Roelli zufolge nicht unbedingt schwache Aktienmärkte zur Folge haben. Dafür gebe es genügend Belege auf dem US-Aktienmarkt in den vergangenen 30 Jahren. Von einer Aktienblase seien die Märkte auch noch ein ganzes Stück entfernt.


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