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Robert Halver: 2019 kommt es drauf an, Jens Weidmann muss als EZB-Präsident ran?

GASTKOLUMNE

GASTKOLUMNE | Es wird noch viel Wasser den Main am Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt herunterlaufen bis im Oktober 2019 Mario Draghi den Staffelstab an einen neuen obersten Währungshüter übergeben wird. Dennoch hat die Nachfolgedebatte längst begonnen.

robert-halver-baader-bank-gastkolumne Von Robert Halver, Baader Bank

Für so manchen im politischen Berlin scheint klar zu sein, dass dann ein Deutscher an der Reihe ist, am liebsten Jens Weidmann, der Chef der Deutschen Bundesbank, die als Synonym für geldpolitische Stabilität gilt. Denn die EZB habe einen stabilitätspolitischen Großschaden verursacht. Das deutsche Reinheitsgebot hat sie dramatisch gepanscht: In der Finanz-, Staatsanleihen- und Eurokrise kaufte die EZB Anleihen von mittlerweile fast zwei Billionen Euro auf und schaffte mit Nullzinsen den Kapitalismus ab. Mit ihrem Eingreifen wurde die EZB sogar zum heimlichen Machtzentrum der Eurozone und Draghi ihr eigentlicher Präsident. Von politischer Unabhängigkeit der Notenbank kann man nur noch mit mindestens vier Promille sprechen.

Mit dieser Laxheit hat die EZB die Eurozone zwar vor dem Super-GAU gerettet. Doch diese Rettungstat von „Sankt Martin“ Draghi hat ihren hohen Preis. Die Zeche zahlen die Zinssparer. So haben deutsche Anlegerinnen und Anleger durch die Zins-Diät der EZB seit 2010 weit über 300 Milliarden Euro Erträge verloren. In diesem Jahr kommen fast 100 Milliarden Euro Zinsverluste hinzu. Nach Inflation rentieren deutsche Staatspapiere aktuell im Durchschnitt mit minus 1,8 Prozent. So werden 2017 fast 40 Milliarden Euro an privatem Geldvermögen vernichtet. Die Schuldenkrise in Euroland ist die Guthabenkrise der Sparer. Die Entschuldung von Italien & Co. ist ihre Entreicherung.

Wer wollte jetzt noch bestreiten, dass 2019 ein deutscher Meister Proper gebraucht wird, der im „Sündenbabel“ der EZB den Dreck der Instabilität beseitigt und die Tugendhaftigkeit wieder zum Vorschein bringt? Bundesbankchef Weidmann ist schon lange der größte Kritiker der ultralockeren EZB-Politik. Er hat auch dann noch die Fahne der geldpolitischen Disziplin hochgehalten, als die EZB bereits vor der Laxheit kapituliert hatte.

Was wird zukünftig bei der EZB serviert: Französische Crème brûlée oder deutscher Magerquark?
Was als härtere Geldpolitik die deutsche Stabilitätsseele und das Gemüt der darbenden deutschen Zinssparer erfreuen würde, wirkte auf die Euro-Südländer so abschreckend wie ein Verbot von gebrannten Mandeln und Zuckerwatte auf Besucher von Rummelplätzen. Der Euro-Süden hat sich an die Leckereien der EZB gewöhnt wie meine Katzen an ihr morgend- und abendliches Premium-Katzenfutter. Die EZB nimmt ihnen die zwei entscheidenden Nachteile von Staatsverschuldung ab: Das Absatzproblem und die hohen Schuldzinsen. Und da soll 2019 aus Deutschland ein Stabilitätsmoralapostel kommen und das große Schulden-Fressen stören oder gar unterbinden? Am Ende wird man noch gezwungen, Reformen zu machen, die bislang aufgrund des selbstverständlichen Geldregens der EZB nicht nötig waren.

Da ist der Euro-Südzone der Gegenkandidat Weidmanns für den EZB-Spitzenposten, der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau viel lieber. Er hat Notenbankpolitik nie inflationsbekämpfend dogmatisch, sondern konjunkturfördernd pragmatisch betrachtet. Auch er steht für geldpolitische Süßspeisen und serviert sie auf Pappdeckeln. Denn trotz seines Nachnamens hat Villeroy keine Hemmungen, das Stabilitäts-Porzellan der Deutschen Bundesbank zu zerschlagen.

Wenn schon deutsche Schonkost, dann nur mit üppigen Zwischenmahlzeiten
Berlin weiß, dass Jens Weidmann nur dann eine Chance hat, EZB-Präsident zu werden, wenn er einem ganzen Sack an Diät-Ausnahmen zustimmt. Er macht schließlich nicht nur für Deutschland Geldpolitik. Schon 2018 müsste Deutschland einwilligen, dass der Spanier Luis de Guindos neuer EZB-Vizepräsident wird. Er ist sicherlich kein Stabilitäts-Papst, noch nicht einmal ein -Kaplan. Auch wird es niemals zwei Deutsche im sechsköpfigen EZB-Direktorium geben. Wie beim Fantasyfilm „Highlander“ kann es nur einen geben: Sollte Jens Weidmann kommen, muss Frau Sabine Lautenschläger gehen. Doppelt so viel deutsche Stabilitätspolitik wie bisher findet dort also nicht statt.

Unsere europäischen Partner argwöhnen ohnehin, dass jetzt schon der bestehende deutsche Einfluss in europäischen Finanz- und Bankenfragen zu groß ist. Dem Euro-Rettungsfonds und der Europäischen Investitionsbank stehen bereits zwei Deutsche vor. Übrigens enden 2019 auch die Amtszeiten von EU-Kommissionschef Juncker und EU-Ratspräsident Tusk. Mit einem Deutschen an der Spitze der Währungshüter hätten hier deutsche Nachfolgekandidaten wohl keine Chance. Jedes Land will im Euro-Sandkasten mit seinen Förmchen und Schäufelchen seine eigenen Burgen bauen.

Sowieso scheint Deutschland bei der Europäischen Kommission im Moment ähnlich schlecht zu punkten wie deutsche Sangeskunst beim Eurovision Song Contest. Wir trügen – obwohl wir es könnten – zu wenig zur wirtschaftlichen Erholung Europas bei. Und dass unsere Handelsbilanzüberschüsse zu hoch sind, ist ja längst zu einem geflügelten Wort geworden. Warum sollte man uns also noch mehr „dominieren“ lassen?

Wird an Weidmanns Wesen die Geldpolitik der EZB genesen?
Würde Weidmann 2019 tatsächlich oberster Währungshüter, wäre er als Stabilitätsteutone ein König ohne Land. Landgewinne wären nur möglich, wenn Jens Weidmann sich zu Mario II. krönen ließe, der bei Zinserhöhungen und Geldverknappung äußerste Milde walten ließe. Ein wirklicher Umkehrschub der EZB wäre dann aber nicht möglich. Ebenso ist die Gefahr groß, dass der Preis für Weidmann for ECB president eine Romanisierung der Eurozone, eine Vergemeinschaftung von Schulden ist. Bekommt Frankreich nicht den EZB-Chefposten, bekommt es zur Wiedergutmachung Eurobonds.

Ist es für Deutschland also wirklich von Vorteil, wenn der Deutsche Jens Weidmann EZB-Präsident wird? Wäre es nicht viel besser, wenn Villeroy das Amt übernimmt, Deutschland aber mit seiner „Dominanz“ in anderen Institutionen die Stabilitätsfahne aufrechterhält?

Könnte es sein, dass die Bundesregierung dies genauso sieht? Wenn Berlin einen Stabilitätstod sterben muss, wird es sich dafür entscheiden, weiter die EZB die Zeche der europäischen Konjunktursanierung beziehungsweise Schuldenfinanzierung zahlen zu lassen als den Bundesfinanzminister mit höheren Zinsen für Euro-Anleihen und steigenden Kreditverbindlichkeiten im deutschen Staatshaushalt. Jeder ist sich selbst der Nächste.

Überhaupt, könnte es sein, dass die Debatte um Herrn Weidmann sogar dem deutschen Wahlkampf geschuldet ist? Immerhin verbindet die verletzte deutsche Stabilitätsseele mit ihm die Rückkehr zur geldpolitischen Disziplin und höhere Anlagezinsen? Das könnte sich am 24. September auszahlen.

Und wie sieht es danach mit der deutschen Unterstützung für Herrn Weidmann aus? Berlin weiß doch, dass ein viel zu früh aus dem Hut gezogener Kandidat im Polit-Feuer der EU schnell verheizt werden kann. Auch Axel Weber wurde schon einmal als EZB-Präsident gehandelt und bekam das Amt doch nicht.

Es wäre schade, wenn mit Jens Weidmann eine weitere geld- und stabilitätspolitisch herausragende Persönlichkeit diesen Autoritätsverlust erleiden müsste. Aber schade wäre es ebenso, wenn Weidmanns Stabilitätsüberzeugungen im Präsidentenamt bis zur Unkenntlichkeit geschliffen würden.

Unter Abwägung aller Punkte ist der geldpolitischen Stabilität mit einem Jens Weidmann als altem und neuem Bundesbankpräsident noch am ehesten geholfen.

Weidmannsheil!

Unser Gastkolumnist Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Siehe auch 7 Fragen an Robert Halver.


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