2. Dezember 2020

Ich war, bin und bleibe ein großer Freund des Bargelds

KOLUMNE | Seit 2008 hat die internationale Geldpolitik alle Finanz-, Banken- und Staatsschuldenkrisen durch Leitzinssenkungen und Liquiditätsorgien regelrecht eingeschüchtert. Und auch bei der Konjunktur kommt ihr eine tragende Rolle zu: Billiges und viel Geld soll ihr auf die Sprünge helfen. Vor allem geht es der EZB um die unbedingte Verhinderung von Deflation, da Wirtschaftsakteure ansonsten ihr Geld nicht ausgeben, sondern konservieren wie die Spinne ihre Beute. Insgesamt will die Notenbank so etwas sein wie ein Aphrodisiakum für die Finanzmärkte, aber auch für die Konjunktur. Man hat alles im Griff auf dem ansonsten sinkenden Schiff.

Von Robert Halver, Baader Bank

robert-halver-baader-bank-kolumne Trotz einer Flut an Liquidität will die Konjunktur nicht in See stechen
Doch das Baden der Banken im Freischwimmerbecken der Liquidität nutzt konjunkturell wenig. Sie sind mit Kreditausleihungen knauserig. Das liegt auch daran, dass Politiker sie nicht mehr lieb haben. Diese sind so stolz darauf, dass sie die aus ihrer Meinung hässliche Fliege „Investment Banking“ erschlagen haben, dass sie gar nicht bemerken, dass dieses Insekt auf der Vase „Wirtschaftswachstum“ gesessen hat. Und die wird mehr und mehr zertrümmert. Denn das für Kreditvergaben an Unternehmen und Haushalte nötige Eigenkapital der Banken ist durch einen Abschreibungs-Tsunami und Gewinneinbrüche einer massiven fastenzeitlichen Diät ausgesetzt.

Und die Konsumenten? In der Eurozone sparen die Bürger trotz Zins- und Renditelosigkeit weiter massiv in Zinsanlagen an. Angstsparen spielt hier wohl auch eine große Rolle. Realwirtschaftlich leidet damit die EZB unter konjunktureller Ladehemmung. Und das Thema Deflation hat sie damit auch nicht im Griff.

Unter null können Anlagezinsen nicht fallen, oder?
Damit Konsum und Investitionen ebenso in die Gänge kommen wie Inflation, wird mittlerweile gefordert, dass die Notenbanken ihre Leitzinsen unter null fallen lassen, was sie in puncto Einlagenzinsen von Banken ja bereits tun. Interessanterweise schließt dies selbst die US-Notenbank nicht mehr aus. Konsequenterweise müsste man noch einen Schritt weiter gehen und flächendeckend negative Anlagezinsen und -renditen einführen. Verbrauchern und Unternehmen muss die Lust am Sparen aber so was von gründlich vermiest werden. Man stelle sich nur einmal vor, wenn aus Angst vor Wertverlusten auch nur zehn Prozent der Spareinlagen der Eurozone – also 650 Milliarden Euro – in die eurozonale Konjunktur mit einer Wirtschaftsleistung von gut zehn Billionen Euro flössen. Wir hätten einen Mega-Aufschwung.



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Leider kann in unserem Papiergeldsystem dieses „Sonder-Konjunkturprogramm“ nicht funktionieren, denn bei null Prozent Anlagezinsen ist logischerweise Schluss. Ansonsten würde ein Run auf Banken starten und unser Bargeldsystem und das gesamte Bankensystem eingehen wie eine lange nicht mehr gegossene Topfpflanze. Anleger würden ihre Spar-Euros nur noch als Bargeld im Keller oder unter der Matratze halten, da sie dort keinen Zinsnachteil zu befürchten hätten beziehungsweise in den Genuss eines Zinsvorteils gegenüber einer negativ verzinsten Spareinlage bei der Bank kämen.

Was nicht passt, muss eben passend gemacht werden
Wenn also unser Papiergeldsystem das entscheidende Hindernis ist, flächendeckend negative Zinsen und Renditen zu haben, dann ans Kreuz mit ihm, oder? Ist erst einmal Bargeld abgeschafft, ließen sich Negativzinsen auch ohne Fluchtmöglichkeiten und die Gefahr eines Bank Runs durchsetzen.

Bargeldlosigkeit ist tatsächlich keine Zukunftsmusik mehr. Der deutsche Vorschlag, Bargeldgeschäfte demnächst nur noch bis 5.000 Euro zuzulassen, wird nur der Anfang sein. In anderen Ländern liegt diese Obergrenze ohnehin faktisch schon tiefer. Und die EZB plant bereits die Abschaffung des 500-Euro-Scheins. Selbst beim Bezahlen seiner Tankrechnung mit einem 100-Euro-Schein wird man mittlerweile wie ein Bankräuber oder Geldfälscher angesehen. Besonders bizarr ist der Weg in die Bargeldlosigkeit in Schweden. Dort kann man seine Spende nach dem Kirchgang bereits mit Kreditkarte bezahlen.

Auf den ersten Blick klingen die Argumente für die Abschaffung von Bargeld nachvollziehbar…
Ach, was spart sich die Volkswirtschaft nicht alles an Aufwand, wenn auch noch die Sonntagsbrötchen beim Bäcker, das Bier in der Kneipe oder die Tageszeitung am Kiosk mit Karte bezahlt werden: In der virtuellen Geldwelt sind teure Sicherungssysteme für Bargeldbestände oder gefährliche Geldtransporte nicht mehr nötig. Und Diebstahl von Geld gibt es dann auch nicht mehr. Ach, was geht den Krimiautoren dann an Stoff verloren.

Und ist erst einmal die Bargeld-vegane Zeit angebrochen, hat man der Steuerhinterziehung, der Schwarzarbeit und Drogenkriminalität auch das Genick gebrochen. Der Klassiker „Handwerkliche Leistung gegen einen DIN-A5-Umschlag mit Baumwollwährung als Inhalt“ ist dann Geschichte. Und eine alternative Tauschwirtschaft – zum Beispiel Wohnzimmer streichen lassen gegen einen dicken Parma-Schinken, 100 Eier und 20 Kohlköpfe – ist logistisch schwieriger darzustellen.


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Wenn so ziemlich alles auf Rechnung geht, käme Vater Staat aus seinen Freuanfällen wohl gar nicht mehr heraus: Mit deutlich mehr Steuergeld würde der Bundeshaushalt wohl auch 2016 ff. schwarze Nullen schreiben. Und die Finanzämter bekämen von Helene ein neues Mottolied beschert: „Bargeldlos durch die Nacht“.

Na, wenn das keine überzeugenden Argumente sind, um Bargeld fremdzugehen und sich alternativ lustvoll an Plastikgeld zu erfreuen.

…aber nicht auf den zweiten
Allerdings halten sich die Bargeld-Fleischlosen in puncto Nachteilen allzu gerne bedeckt. Ist erst einmal der physische Besitz von Geld verboten, beginnt die Willkommenskultur des gläsernen Kunden. Es geht niemanden etwas an, was ich mir mit Bargeld kaufe, egal ob Edelmetalle, Holz für den Kamin, einen Kasten Bier oder Limonade. Wenn alle Zahlungen nur noch virtuell per Karte abgewickelt werden, hinterlassen wir digitale Spuren, sind Zahlungsleistende und -empfänger so beobachtbar wie Affen im Zoo. Wir ziehen uns sozusagen nackt aus, geben unsere persönlichen Identifikationsmerkmale nicht nur preis, sondern wissen ebenso, dass diese für lange, wenn nicht für immer gespeichert sind.

Wenn das keine Einladung an Marketing- und Vertriebsabteilungen von Konsum- und Logistikunternehmen ist, unsere Konsumgewohnheiten auszuspionieren und uns ganz nonchalant mit passenden Angeboten per Smartphone ungefragt zuzumüllen. Am Ende wird man von unserem Essverhalten noch auf unser Wahlverhalten schließen wollen.

Im Übrigen geht Drogenhandel auch mit physischem Gold. Will man uns dann also irgendwann auch noch Edelmetalle verbieten? In einem zinslosen Finanzsystem kann ich zudem nicht mehr klassisch sparen. Ich werde zum Konsum gedrängt wie eine willenlose Maschine. Das wäre dann die perfekte staatliche Finanzrepression, um die Konjunktur zwangsweise zu beleben. Dabei gäbe es auch die Alternative einer Wirtschaftspolitik, die mit Reformen und Wettbewerbsfähigkeit Unternehmen veranlasst, in Europa zu investieren, Menschen einzustellen, die dann konsumieren und Steuern zahlen. Diesen Königsweg will man aber den Wählern und sich selbst nicht zumuten. Das ist aber dann nicht mein Problem.

Überhaupt, ist Datensicherheit in der virtuellen Zahlungswelt gewährleistet? Wenn US-Ministerien, Großkonzerne oder das Smartphone von Angela Merkel – das geht wohl doch unter Freunden – gehackt werden, wie kann man da sicher sein, dass das Geld dort ankommt, wo es ankommen sollte?
Oder wie verhindere ich, dass Fremde mit meinem Girokonto Schindluder treiben?

Freiheitsrechte im Jahr 2016 ff. bedeuten für mich auch, dass mündige Konsumenten keine Auslaufmodelle, nicht zu gläsernen Aufziehpuppen degradiert werden. Ich bin ein glühender Anhänger von Bargeld und werde es immer bleiben. Basta!

Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit 1990. Er ist durch regelmäßige Medienauftritte im Fernsehen, auf Fachveranstaltungen sowie durch Publikationen und als Kolumnist bekannt. Sein Markenzeichen, der rheinische Humor und die unterhaltsame, bildhafte Sprache, kommen bei keinem seiner Auftritte zu kurz. Siehe auch 7 Fragen an Robert Halver.

Über mögliche Interessenkonflikte und rechtliche Hinweise informieren Sie sich bitte im Disclaimer der Baader Bank auf www.bondboard.de/Newsletter/Disclaimer


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Foto: Baader Bank

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