22. Mai 2019

Höchststände beim Erdöl und die Börse jubelt!

HANKES MEINUNG

HANKES MEINUNG | Warum auch reine Aktienanleger auf den Ölpreis achten, sich aber nicht an alten Börsenregeln festhalten sollten.

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Börsenstratege Ulrich W. Hanke
Nach einem längeren Aufwärtstrend ist ein Fass Erdöl vergangenen Donnerstag erstmals seit Oktober 2015 wieder mehr als 50 US-Dollar wert gewesen. Sowohl die europäische Sorte Brent als auch WTI aus den USA verteuerten sich in der Spitze auf 50,43 Dollar beziehungsweise auf 50,16 Dollar je Barrel (159 Liter). Gründe dafür sind Spekulationen auf einen Rückgang der US-Lagerbestände, heißt es auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist von Angebotsstörungen die Rede, wie etwa dem Streik in Frankreich. Zur Fußball-Europameisterschaft, die dort am 10. Juni beginnt, wird es in unserem Nachbarland aber sicher keine Benzinknappheit mehr geben. Daher ist eine Preisstabilisierung wahrscheinlich. Für Anleger sind das gute Nachrichten. Der Ölpreis ist ein Indikator, wie es auch Zinsen, Währungen, Indextrends oder Saisonalitäten sein können, und nicht nur für Rohstoffinvestoren interessant.

Die 50 Dollar je Barrel sind zugleich eine magische Marke. Ab diesem Preis lohnt sich in den meisten Fällen wieder das umstrittene Fracking, die Schieferölproduktion. Daran haben die konventionellen Erdölförderer allerdings wenig Interesse. Saudi-Arabien, der Irak und der Iran können für unter 20 Dollar bis etwa 35 Dollar je Barrel kostendeckend arbeiten. Das Kartell der erdölexportierenden Länder Opec drosselt deshalb ganz bewusst nicht die Förderung, damit die Preise niedrig bleiben und das Fracking und die Frackingfirmen in den USA sprichwörtlich langsam austrocken.

oelpreis-brent-270516 Das Schreckgespenst, viele Banken hätten an Frackingfirmen hohe Kredite vergeben und es drohe eine zweite Lehman-Pleite und Finanzkrise, hat sich mangels großer Volumina mittlerweile in Luft aufgelöst. Doch das Spielchen zwischen der Opec und den Fracking-Konkurrenten geht munter weiter und führt mich unweigerlich zu einer alten Börsenregel, die so keinen Bestand mehr zu haben scheint: Ein niedriger Ölpreis ist gut für die Wirtschaft und damit für die Börse, ein hoher Ölpreis ist schlecht und drückt auf die Aktienkurse. Heute scheint es gar umgekehrt, erholt sich der Ölpreis ein wenig wie zuletzt, jubeln die Börsianer und die Kurse steigen, statt zu fallen. Auf absehbare Zeit ist der Öl-Indikator als Signal für die Börse also unbrauchbar. Und der Ölpreis zieht auch noch die Inflation mit nach unten…

Interessant ist für mich in diesem Zusammenhang noch eine Aussage von BASF, die der Chemiekonzern Ende April getroffen hat. Demnach rechne man bei BASF für 2016 mit einem durchschnittlichen Ölpreis der Nordseesorte Brent von 40 Dollar. Gemessen an den Durchschnittswerten der vergangenen 250 Tage (45,80 Dollar) und der vergangenen 30 Tage (46,60 Dollar) oder auch dem aktuellen Preis von 49,21 Dollar je Barrel ist dies recht bearish, sprich pessimistisch. Und nach neuer Gesetzmäßigkeit wäre ein Preisrückgang des schwarzen Goldes auf 40 Dollar darüber hinaus schlecht für die Aktienmärkte.

Ihr Ulrich W. Hanke
Börsenstratege und boersianer.info-Herausgeber

Foto/Grafik: red

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