16. September 2019

Colin Croft: »Die Türkei nach dem Referendum – Auf der Suche nach Stabilität und Wirtschaftsreformen«

GASTKOMMENTAR

GASTKOMMENTAR | Das Ergebnis des Türkei-Referendums steht fest. Jetzt kommt es darauf an, ob sich die Spannungen des Wahlkamps auflösen oder verstärken. Wird sich die Politik in die richtige Richtung bewegen? Ein Gastkommentar von Colin Croft, Manager des Jupiter New Europe SICAV.

Von Colin Croft, Jupiter AM

Am 16. April 2017 hat die Türkei über eine Änderung der Verfassung hin zu einem Präsidialsystem abgestimmt. Das Ergebnis – ein knapper Sieg für das neue System mit 51,3 Prozent der Stimmen – scheint aus Aktiensicht das bestmögliche zu sein. Die Alternativen bestanden in einer deutlicheren Zustimmung oder einer knappen Ablehnung des Referendums. Beides hätte mit höherer Wahrscheinlichkeit zu vorgezogenen Wahlen geführt, mit all der Unsicherheit, die damit einhergeht. Die türkischen Aktienmärkte neigen bei einer Beibehaltung des Status Quo zu Kursgewinnen, da die Wirtschaftspolitik der regierenden AKP als fundierter angesehen wird als die der Vorgängerregierungen.

Vize-Premier Mehmet Şimşek hat im Anschluss an das Referendum klargestellt, dass es keinerlei Pläne gibt, die für 2019 geplanten Wahlen vorzuziehen. Sollte dies zu einer Periode relativer Stabilität führen – mit stärkerem Wachstum und einem daraus resultierenden Wahlsieg der AKP 2019 – wäre dies zumindest für die türkische Wirtschaft und ihren Aktienmarkt ein positives Signal. Bedingung hierfür wäre, dass sich die Regierung verstärkt auf ökonomische Reformen konzentriert.

Für die Märkte ging es seit der Abstimmung stark aufwärts. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass nun eine Phase der Besonnenheit beginnt. Zwei der größten Oppositionsparteien haben bereits Bedenken über die Legitimität des Referendums angemeldet, da das türkische Wahlkomitee entschied, ungestempelte Wahlzettel zu akzeptieren. Jetzt ist es wichtig zu beobachten, ob sich die Spannungen des Wahlkampfes auflösen oder verstärken werden und ob sich die Politik in die richtige Richtung bewegt.

Einerseits hat der türkische Aktienmarkt währungsbereinigt (in GBP) seit Jahresbeginn um zwölf Prozent zugelegt. Dies geschah aber andererseits von einem extrem niedrigen Niveau aus – einem 10-Jahres-Tiefpunkt in Folge des Putschversuchs im vergangenen Jahr. Dennoch sind die Bewertungen meines Erachtens mit einem KGV von neun sehr attraktiv und deutlich niedriger im Vergleich zu anderen Wachstumsmärkten und historischen Bewertungen. Ein Positiv-Szenario ist demnach bei Weitem nicht eingepreist.

Der Jupiter New Europe SICAV ist derzeit zu 15 Prozent in der Türkei investiert und seine breite Diversifizierung über mehrere Länder sollte dabei helfen, gegen politische Risiken gewappnet zu sein. Ich verfolge zudem einen Bottom-up-Ansatz mit Fokus auf titelspezifische Änderungen, die von den Märkten noch nicht erfasst wurden. Der Grund für dieses Vorgehen ist, dass solche Trends eher vorauszusagen sind als Top-down-Entscheidungen. Letztere hängen unter anderem von schwer abschätzbaren Ereignissen wie etwa Wahlen ab.

Ein Beispiel für meinen Ansatz ist der kleine türkische Versicherer AvivaSA, ein Joint Venture des britischen Unternehmens Aviva und des führenden türkischen Konglomerats Sabanci. Ich habe im April 2015 in den Titel investiert in der Annahme, dass der Markt das enorme Wachstumspotenzial der Gewinne im Pensionsbereich nicht eingepreist hatte. Während in Großbritannien die meisten Menschen in private Vorsorge investieren, ist dies noch nicht einmal bei jeder fünften Person in der Türkei der Fall. Die Türkei könnte ihre Wirtschaft durch eine Erhöhung dieser Sparquote unabhängiger von den Unsicherheiten internationaler Kapitalströme machen. Ein möglicher Ansatz hierfür ist zum Beispiel die Förderung privater Vorsorge durch eine automatisierte Integration in private Versorgungssysteme sowie staatliche Zuschüsse zu Beitragszahlungen. Obwohl diese Maßnahmen nicht immer mit voller Entschlossenheit durchgeführt wurden – es ist beispielsweise sehr einfach, aus dem System auszusteigen – konnten dennoch ausreichende Fortschritte erzielt werden.

Entsprechend hat die Aktie den türkischen Markt um 15 Prozentpunkte outperformt. Ich glaube, dass die langfristige Erhöhung der Sparquote eine so fundamentale Notwendigkeit darstellt, dass die Regierenden der Türkei nicht um Maßnahmen herumkommen werden, die Vorsorgebereitschaft zu erhöhen. Die Aktie bleibt daher angesichts ihres Wachstumspotentials attraktiv bewertet.

(boersianer.info veröffentlicht in dieser Rubrik Gastkommentare und -kolumnen aus verschiedenen Quellen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der jeweilige Autor. Die Meinung des Gastautors muss nicht unbedingt mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.)

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