HANKES BÖRSENBRIEF – ANLEGEN WIE DIE BÖRSENSTARS

»Über den Titel Exportweltmeister kann sich Deutschland überhaupt nicht freuen«

GASTKOLUMNE

GASTKOLUMNE | 2016 ist Deutschland wieder Exportweltmeister geworden. Dies ist auch ein Beweis der Stärke der deutschen Industrie. Offensichtlich hat der deutsche Industriestandort einiges besser gemacht als andere. Selbst wenn deutsche Reformaktivitäten in den vergangenen Jahren zu einem Sturm im Wasserglas verkommen sind, ist Deutschland dennoch mindestens immer noch der Einäugige unter den Blinden.

robert-halver-baader-bank-gastkolumne Von Robert Halver, Baader Bank

Das sehen die Importländer naturgemäß anders. Dass sie nun aber Asche auf ihr in puncto Konkurrenzfähigkeit haarloses Haupt streuen, ist nicht zu beobachten. Es wird nur sehr oberflächlich hinterfragt, warum sich zum Beispiel US-Unternehmen für die deutsche und nicht für die amerikanische Maschine entschieden haben. Schuld daran soll laut US-Präsident Donald Trump nur der böse Währungsmanipulator Deutschland sein. Ja, es wird sogar behauptet, dass die deutsche Politik doch eigentlich die starke Deutsche Mark nur gegen die Billigheimer-Währung Euro eingetauscht hat, um so noch egoistischer exportieren zu können. Vollstrecker des billigen Euros ist die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer hemmungslos freizügigen Geldpolitik. In Übersee hat man die deutsche Maschine sicherlich nicht primär wegen des schwachen Euros gekauft. In der Wirtschaftsrealität – nicht in der Trumpschen Traumwelt – spielen Qualität und Leistungsvermögen natürlich entscheidende Rollen. Was nützt denn die national billigere Maschine, bei dessen Betrieb – böse formuliert – einem die Schrauben um die Ohren fliegen?

In puncto Realitätsverdrängung ist Trump ein Weltmeister
Dass auch die US-Notenbank eine lose Geldpolitik betrieben hat und deutlich mehr aufgekaufte Staatspapiere in ihrem Depot hat als die EZB, verschweigt des Präsidenten selektive Wahrnehmung. Er schafft gerne alternative Fakten, um seine tendenziöse Sicht der Dinge durchzusetzen. Nach seiner Meinung ist Deutschland nur aufgrund des manipulierten unterbewerteten Euros Exportweltmeister. Ich habe selten so viel ökonomischen Unsinn gehört. Auch bei tausendfacher Wiederholung wird eine falsche Behauptung nicht wahr. Das sind alternative Fakten, Fake News.

Ich frage mich, wie die deutsche Politik die Währungsabwertung hinbekommen haben soll. Hat man zu diesem Zweck EZB-Chef Mario Draghi gezwungen, die Leitzinsen auf null zu setzen? Hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihm etwa gedroht, ohne Staatsanleihekäufe in den sozialen Medien auszuplaudern, dass er ein Toupet trägt? Tatsächlich läuft doch der Bundesbankpräsident Jens Weidmann seit Jahren Sturm gegen die Niedrigzinspolitik der EZB.

Die neue US-Administration mit ihren durchaus wirtschaftssachverständigen Ministern weiß hinter vorgehaltener Hand schon, dass der Vorwurf der deutschen Währungsmanipulation so unwahrscheinlich ist wie als Gewinner aus einem Trumpschen Casino zu gehen. Leider wissen sie aber auch, dass dieses Thema bei großen Teilen der Bevölkerung verfängt. Der Öffentlichkeit wird der deutsche Exportüberschuss als Beweis präsentiert, dass sich Deutschland zu Lasten der Amerikaner bereichert. Man muss es einfach nur oft genug wiederholen.

Ein gemeinsamer Feind eint mehr als 1000 gemeinsame Freunde
Und Trump sucht sich Verbündete für diese handelspolitischen Einsichten. Nicht nur die USA, sondern ebenso die europäischen Handelspartner würden von der deutschen Exportindustrie überfahren. Tatsächlich haben auch Briten, Franzosen, Italiener, Spanier und so weiter Deutschland gegenüber Handelsbilanzdefizite. Dass dies bei den drei letztgenannten Euro-Ländern wohl kaum am schwachen Euro liegen kann, wird von Amerika jedoch nicht thematisiert.

Wie auch immer, Amerika freut sich, dass sich die Briten von einem deutsch-ökonomisch beherrschten Europa befreien konnten. Da ist es für die USA schon moralisch geboten, den Briten als Alternative bilateral einen wirklich fairen Handelsvertrag anzubieten. Und natürlich wird die Trump-Administration mit dem deutschen Exportüberschuss wuchernd versuchen, Kerben in den ohnehin schon vom Holzwurm befallenen europäischen Stamm zu schlagen. Chronisch hohe deutsche Überschüsse schmerzen die Defizitländer, weil sie sich verschulden müssen, um deutsche Exporte zu finanzieren. Es kostet sie Wohlstand. In der Tat, in vielen Ländern der Eurozone – gerade auch in denen, wo 2017 gewählt wird – ist die starke handelspolitische Dominanz Deutschlands ein viel beachtetes Wahlkampfthema.

Die perfide Absicht Trumps ist unschwer zu erkennen. Europa darf nie ein gemeinschaftlicher Handelspartner auf Augenhöhe zu Amerika sein. Solange Trump im Weißen Haus regiert, wird es kein Handelsabkommen zwischen den USA und Europa insgesamt geben. Eher wird der Flughafen in Berlin fertig. Cäsar lässt sich nur zu Abkommen mit europäischen Einzelstaaten herab, die ihm dann jeweils singulär nicht wirklich wehtun.

Trump leitet den globalen Währungsabwertungskrieg ein
Da kommt jetzt der aktuelle Exportweltmeistertitel für Deutschland zur handelspolitischen Unzeit. Und jetzt belegt auch noch die über jeden Zweifel erhabene Deutsche Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht, dass vor allem die ultrafreizügige Geldpolitik der EZB seit 2014 für die Abwertung des Euros zum US-Dollar verantwortlich ist. Hat Donald Trump schon ein Thank-you-Tweet an Jens Weidmann abgesondert?

Jetzt kann The Donald auftrumpfen. Wenn der Euro von Deutschland manipulativ abgewertet wird, dann darf das Amerika auch. Dann hat doch die US-Regierung – mit viel Krokodiltränen im Auge – geradezu die patriotische Pflicht, den eigenen US-Dollar abzuwerten, um wieder handelspolitische Waffengleichheit herzustellen. Edel sei der Präsident, hilfreich und gut.

Trump passt es ohnehin nicht, dass eine von ihm kalt zu startende US-Binnenkonjunktur zu massiven Geldzuflüssen und damit zu einer Dollar-Befestigung seit seiner Wahl geführt hat. Zur Exportstützung muss er den Dollar also kaputtreden. Und seine verbalerotischen Worte wirken bereits. Der Euro befindet sich mit fast 1,08 zum US-Dollar auf dem höchsten Stand seit Mitte November 2016.

Für diesen Abwertungszweck wird Trump auch die US-Notenbank Fed vor seinen Karren spannen. US-Notenbankpräsidentin Janet Yellen wagt sich doch ernsthaft von zwei bis drei Zinserhöhungen zu sprechen, was auf den Dollar wirken würde wie ein Dopingmittel auf Leistungssportler. Was für eine Unverschämtheit in den Augen von Trump! Ich denke, Janet Yellen kann sich schon einmal nach einem neuen Job ab 2018 umschauen. Trump braucht eine Dollar-abwertende Nachfolgerin beziehungsweise einen Nachfolger von seinen Gnaden.

Wenn einer die Währung manipuliert, dann ist es Trump. Er ist der Währungsabwertungskrieger.

Ein bisschen mehr Germany first
Deutschland kann es jetzt rational mit Fakten versuchen, zum Beispiel dass die EZB unabhängig ist. Fakten zählen bei Trump aber nicht. Da kann man auch versuchen, einen Fuchs zum Vegetarier zu machen.

Nein, Deutschland muss einen eigenen Deal machen. Was ist denn so schlimm daran, etwas für die deutsche Binnenkonjunktur über Infrastrukturinvestitionen zu tun? Richtig, nichts! An mehr Inlandsnachfrage ist noch niemand gestorben. Gegen den international kalten Handels-Krieger Trump braucht man mehr nationale Nestwärme.

Ist es draußen kühl und nass, macht es auch zu Hause Spaß.


Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit 1990. Er ist durch regelmäßige Medienauftritte im Fernsehen, auf Fachveranstaltungen sowie durch Publikationen und als Kolumnist bekannt. Sein Markenzeichen, der rheinische Humor und die unterhaltsame, bildhafte Sprache, kommen bei keinem seiner Auftritte zu kurz. Siehe auch 7 Fragen an Robert Halver.

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Foto: Baader Bank

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