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Prashant Khemka: »Indiens Demonetarisierung zahlt sich aus«

GASTKOMMENTAR

GASTKOMMENTAR | Der Begriff BRIC für die großen Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China ist ein bisschen in Vergessenheit geraten. Wie steht es eigentlich um Indien? Ein Kommentar von Prashant Khemka, Manager des GS Emerging Markets Equity Portfolios und Chief Investment Officer für Schwellenländer-Aktien bei Goldman Sachs Asset Management.

gsam-prashant-khemka Von Prashant Khemka, GSAM

Am 8. November 2016 erklärte Indiens Premierminister Narendra Modi die 500-Rupien- und 1.000-Rupien-Scheine für ungültig. Durch diese Maßnahme sollte der Korruption Einhalt geboten und die Zirkulation von nicht erfasstem Vermögen und Schwarzgeld eingedämmt werden. Die beiden Banknoten machten zu dem Zeitpunkt 86 Prozent des sich im Umlauf befindlichen Geldes aus.

Als Reaktion auf diesen Schritt und angesichts der allgemein negativen Stimmung gegenüber Schwellenländern im Nachgang der US-Präsidentschaftswahlen verloren Aktien indischer Emittenten bis zum Jahresende zehn Prozent. Nachdem sie am 26. Dezember ihren Tiefpunkt erreicht hatten, konnten sie seitdem wieder um 16 Prozent zulegen. Sie werden jetzt wieder zu Preisen wie vor der Demonetarisierung gehandelt, da die Daten auf eine moderatere Abkühlung der Wirtschaft hindeuten, als zunächst befürchtet wurde.

Welche Auswirkungen hatte die Initiative?
Die Demonetarisierung fand im Rahmen einer allgemeinen Initiative zur Bekämpfung von Korruption und Schattenwirtschaft statt. Ziel der Regierung war, Internet-Banking und finanzielle Inklusion zu fördern. Unserer Meinung nach hatte die Initiative im Wesentlichen zwei Intentionen – die Reduzierung des vorhandenen Schwarzgelds und eine Verbesserung der Steuerehrlichkeit. Doch wurden diese Ziele erreicht?

Reduzierung des Schwarzgelds missglückt
Insgesamt betraf die Geldentwertung Banknoten im Wert von 15 Billionen Rupien. Zunächst wurde davon ausgegangen, dass von dieser Summe voraussichtlich 2,5 bis 3 Billionen Rupien nicht eingezahlt werden, da es den Besitzern der Scheine nicht möglich sein würde, die Herkunft dieser nicht erfassten Einkünfte zu erklären. Tatsächlich dürfte Medienberichten zufolge jedoch beinahe die gesamte Summe in das Bankensystem eingezahlt worden sein. Daher scheint das Ziel, den Schwarzgeldbestand zu dezimieren, nicht erreicht worden zu sein.

Verbesserung der Steuerehrlichkeit auf gutem Weg
Positiv ist jedoch zu werten, dass die Steuerbehörden umfangreiche Daten zu den Einkünften von Privatpersonen und Unternehmen erhalten haben. Infolgedessen wurden 1,8 Millionen Kontobesitzer aufgefordert, Erklärungen zu Fällen abzugeben, in denen Einzahlungen in großer Höhe stattgefunden haben. Für sich genommen gewährleistet dies noch nicht, dass Einkünfte auch in Zukunft vollständig offengelegt werden. Nichtsdestotrotz wird es diesen Privatpersonen oder Unternehmen erschwert werden, Einkünfte im selben Umfang wie bisher zu verschleiern. Daher sind wir zuversichtlich, dass sich das Niveau der Steuerehrlichkeit im Vergleich zu vor der Initiative verbessern wird.

Die Maßnahme dieser Geldentwertung verbunden mit der Einführung der einheitlichen Steuer auf Güter und Dienstleistungen (Goods and Services Tax, GST) besitzt jedoch Potenzial. Dank der den Steuerbehörden zur Verfügung stehenden umfangreichen Datensätze sowie der modernen IT-Infrastruktur der GST, welche einen Abgleich von Rechnungen erlaubt, wird eine effektivere Bekämpfung der Steuerhinterziehung möglich sein.

Wirtschaftsentwicklung besser als erwartet
Die Ausgabe von neuen Banknoten geht schneller voran als eingangs erwartet und es wurden bereits Scheine im Wert von zwölf Billionen Rupien in Umlauf gebracht. Die indische Zentralbank hat die Beschränkung für Barabhebungen aufgehoben und es bilden sich vor den Geldautomaten keine Schlangen mehr, was auf eine Rückkehr zur Normalität hindeutet.

Hinzu kommt, dass die BIP-Wachstumsrate in Höhe von sieben Prozent für das im Dezember zu Ende gegangene Quartal Anleger positiv überraschte. Bei der Bemessungsmethode wird das Wachstum formeller Sektoren hochgerechnet, um einen Näherungswert für informelle Sektoren anzugeben, die von der Geldentwertung härter getroffen wurden. Daher rechnen wir damit, dass die Zahl in den nächsten Monaten nach unten korrigiert werden dürfte, sobald genauere Daten vorliegen.
Doch obwohl sich das Wirtschaftswachstum zweifellos etwas abgeschwächt hat, haben sich ursprüngliche Befürchtungen eines massiven Wirtschaftsrückgangs nicht bestätigt, was zu einem starken Anstieg der Gewinnerwartungen und Aktienkurse in diesem Jahr geführt hat.

Erfahrungsberichte indischer Unternehmen stimmen optimistisch
Um einen bessere Einschätzung zu bekommen, welche Auswirkung die Geldentwertung auf die indischen Unternehmen hatte, hier zwei Beispiele: Das Geschäft eines Gebäckherstellers wuchs vor der Demonetarisierung im städtischen Bereich im einstelligen, auf dem Land im hohen zweistelligen Bereich. Mitte November vergangenen Jahres äußerte die Geschäftsleitung Befürchtungen über einen massiven Umsatzrückgang um 40 bis 70 Prozent. Das Unternehmen schloss das vierte Quartal 2016 mit einem Volumenwachstum von zwei Prozent, während es im Vorquartal bei sieben Prozent gelegen hatte. Im Februar dieses Jahres prognostizierte das Unternehmen eine Verbesserung der Nachfrage, wobei sich das Wachstum dann in den nächsten drei bis sechs Monaten wieder normalisieren würde.

Ein großer Fahrzeughersteller gab an, dass Bestellungen und Umsatz, nach einem massiven Einbruch im November, im Dezember vergangenen Jahres wieder zulegten. Zwar wurde im November verglichen mit dem Vorjahr ein Rückgang von 20 Prozent verzeichnet, im Dezember stieg das Volumen jedoch bereits wieder um sieben Prozent – eine Erholung, die im laufenden Jahr andauert.

Attraktive Investmentchancen in der einheimischen Branche
Wir sind insofern weiterhin optimistisch, was den langfristigen Effekt der Demonetarisierung betrifft. So rechnen wir mit einer Eindämmung der Schattenwirtschaft, höherer Steuerehrlichkeit, einem höheren Verhältnis von Steuern zum BIP sowie einer geringeren Haushaltsverschuldung, einer niedrigeren Inflation und potenziell niedrigeren Zinsen.

Nach unserer Einschätzung könnte die ab dem 1. Juli 2017 geplante Einführung der Steuer auf Güter und Dienstleistungen ein starker struktureller Treiber für die Wirtschaft sein, dessen Nutzen nach und nach zum Tragen kommen wird.

Wir verfolgen weiterhin einen Bottom-up-Aktienauswahlprozess und sehen ein Vielzahl an Investmentchancen, insbesondere in den inländisch orientierten Sektoren wie Industrie, Konsumgüter, Finanzwerte und Baustoffe. Diese dürften im Zuge der anhaltenden Wirtschaftserholung von einem gestiegenen operativen Leverage profitieren. Darüber hinaus ergeben sich für uns interessante Möglichkeiten in Branchen, in denen Unternehmen aus dem formellen Sektor durch verbesserte Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu informellen Konkurrenten Marktanteile hinzugewinnen.

Da das Kurs-Gewinn-Verhältnis (Projektion auf zwölf Monate) des Gesamtmarktes mit 16,9 etwa bei seinem historischen Durchschnitt steht, gehen wir weiter davon aus, dass sich nun ein vielversprechender Einstiegspunkt in die Frühphase eines Renditezyklus bietet.

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